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Geschichte des Ringtennissportes
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Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung/Überblick
Mitte der zwanziger Jahre brachte der technische Bürgermeister
von Karlsruhe, Hermann Schneider, das Schiffsspiel Deck-Tennis
von einer Seereise nach New York mit nach Deutschland. Recht bald
faßte das Spiel unter dem Namen Ringtennis zunächst in Südwestdeutschland
(Baden, Württemberg) Fuß. Von großer Bedeutung
für diese Verbreitung war der Umstand, daß Schneider
das
Karlsruher Strandbad Rappenwört plante, da er viele Ringtennisfelder
einbaute und dieses Bad nach seiner Eröffnung (1929) zum
Zentrum des Ringtennissportes wurde. Der 1931 gegründete
Deutsche Ringtennisbund fürchtete nach der Machtergreilfung
der Nationalsozialisten um seine Auflösung. Der "Reichssportführer"
verfügte schließlich die Eingliederung von Ringtennis
ins Fachamt I des Reichsbundes für Leibesübungen, in
welchem sich Ringtennis über ganz Deutschland verbreitete.
Nach dem Krieg hatte Ringtennis erheblich an Breite eingebüßt.
Erst in den siebziger Jahren fanden die ersten internationalen
Wettkämpfe statt.
[Inhaltsverzeichnis]
1. Deck-Tennis als Vorläufer
Deck-Tennis, ein dem Ringtennis ähnliches Spiel, wurde auf
Schiffen gespielt. Es gehörte damit zu einer Reihe von Deckspielen
("Deck Games"), wie Deck Bowls, Deck Quoits (1), Deck
Cricket, Deck Golf, Deck Croquet u.a., die als Zeitvertreib für
die Passagiere dienten (vgl. Mc LEOD (1939); ARLOTT 1975, 255).
Deck-Tennis war in den zwanziger Jahren eines der beliebtesten
Deck-Spiele. Mc LEOD ((1939), 12) meinte sogar, daß es das
populärste von allen Deck-Spielen war.
Deck-Tennis scheint, zumindest unter diesem Namen, noch nicht
länger als seit dem Ende des Ersten Weltkrieges zu existieren
(vgl. CUDDON 1980, 643; FAIT u.a. 1956, 213; ARLOTT 1975, 255).
Es ist nicht sicher, ob das Spiel für Schiffe geschaffen
wurde oder ob das Spiel vorher schon an Land existierte. Einige
Hinweise deuten darauf hin, daß es schon vor dem Erscheinen
von Deck-Tennis unter dem Namen "Quoitennis" an Land
existierte. Offensichtlich ist, daß es als Spiel kreiert
wurde, das wenig Ansprüche in Beziehung auf Platzbedarf und
Ausrüstung stellte, weshalb es auch oft in Hinterhöfen,
auf Spiel- und Turnplätzen und "camps" gespielt
wurde (vgl. MITCHELL 1936, 422).
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2. Deck-Tennis wird "an Land"
gebracht
Mitte der zwanziger Jahre fuhr der damalige technische Bürgermeister
der Stadt Karlsruhe, Hermann Schneider, zu einem internationalen
Städtebaukongreß nach New York. Auf der langen Reise
mit dem Dampfer 'Mauretania' lernte er das Decktennis kennen.
Ob er es schon unter dem Namen "Ringtennis" kennenlernte,
ist unklar, ebenso der genaue Zeitpunkt der Reise. Jedenfalls
legte er daraufhin im Sommer 1928 in seinem Garten einen Ringtennisplatz
an, auf dem er alle Freunde und Bekannten zum Ringtennisspielen
einlud.
Hermann Schneider sorgte auch dafür, daß bald darauf
in Karlsruhe eine bis heute einmalige Ringtennis-Anlage entstand:
Dabei kam ihm seine Tätigkeit als Planer bei der "Schaffung
einer neuzeitlichen Sport- und Körperkulturstätte"
(SUPPER 1929) zugute: Dem Rheinstrandbad Rappenwört. Schneider
plante für den Bau der Anlage zunächst 20 Ringtennisfelder
mit ein, später wurden es 60! Er schuf damit die Vorraussetzungen
für die Entwicklung des Spieles Decktennis zum Sportspiel
Ringtennis, denn kurz nach der Eröffnung des Strandbades
fand vom 30. August bis zum 1. September 1929 das erste große
Ringtennis-Turnier statt. Dieses Turnier existiert bis heute am
selben Ort unter der Bezeichnung "Pfingstturnier", da
man es später regelmäßig an Pfingsten durchführte.
Wie aber sah es mit Ringtennis in anderen Ländern aus?
In den USA war "Ring Tennis" schon eher als in Deutschland
bekannt, wie mehrere Veröffentlichungen ab 1927 beweisen.
In England und der Schweiz vermutlich in den vierziger Jahren
eingeführt, kam es in den fünfziger Jahren nach Neuseeland,
Australien und Südafrika. Zu vermuten ist, daß Decktennis
hier überall der Vorläufer war. Dies ist allerdings
momentan noch nicht nachzuweisen. Später kam es dann noch
nach Frankreich und Österreich; wann es in Brasilien, Argentinien
und Uruguay eingeführt wurde, ist noch völlig unbekannt.
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3. Die kurze Geschichte des Deutschen
Ringtennisbundes (DRB)
3.1. Ringtennis organisiert sich
In Deutschland fing Ringtennis an, sich als Sport zu organisieren.
Anfang der dreißiger Jahre wurden eine Reihe von reinen
Ringtennisvereinen in Karlsruhe, Stuttgart, Pforzheim, Mannheim,
Konstanz, Frankfurt, Offenbach, Leuna und Berlin gegründet.
Der erste dieser Vereine war der Karlsruher Ringtennis-Club mit
dem Gründungsdatum 10.10.1930. Da die Spielauffassungen vereinheitlicht
werden mußten, fanden sich zunächst engagierte Spieler
in Regelkommissionen zusammen. Das Organisationsbedürfnis
gipfelte schließlich darin, daß am 18.1.1931 der Deutsche
Ringtennis-Bund (DRB) gegründet wurde. Bereits am 5. und
6. September 1931 führte dieser in Karlsruhe (Rappenwört)
die ersten Deutschen Ringtennismeisterschaften durch. Erwartungsgemäß
konnten sich die Karlsruher nahezu sämtliche Titel sichern
(alle KRC). Lediglich im Damen Einzel (Anne Ergenzinger, RTC Stuttgart)
und Herren Einzel der Altersklasse (Heringer, VFR Kandel) kamen
andere Spieler zu Meisterehren.
Auch im Ringtennis war zu dieser Zeit die Trennung von "Turnen"
und "Sport" existent: Die Badische Turnerschaft fing
1931/1932 an, das Ringtennisspiel in ihr Programm aufzunehmen
und verstärkt zu fördern. Der Spielbetrieb in den beiden
Verbänden lief vollkommen getrennt. Die Badische Turnerschaft
führte sogar eigene Badische Meisterschaften durch.
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3.2. Die Auflösung
Daß es schließlich zu einer Vereinigung dieser beiden
Ringtennisbewegungen kam, liegt in der Gleichschaltungs-Politik
des totalitären NS-Staates begründet. Nachdem die Nationalsozialisten
im Januar 1933 die Macht ergriffen hatten, fürchtete der
DRB um seine Auflösung. Man machte sich auf die Suche nach
einem "anerkannten Verband". Obwohl es nahe gelegen
hätte, sich an die Deutsche Turnerschaft zu wenden, da diese
das Ringtennisspiel im Gau Baden ja schon betrieb, sprach für
den DRB einiges dagegen, da man mit der Deutschen Turnerschaft
schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Man wäre viel lieber
beim Tennis- oder Fußballbund untergekommen.
Der "Reichssportführer" Hans von Tschammer und
Osten verfügte jedoch entgegen den Absichten des DRB, daß
Ringtennis unter "Sommerspiele" ins Fachamt I des "Reichsbundes
für Leibesübungen" (später "Nationalsozialistischer
Reichsbund für Leibesübungen"), der zentralen Sportorganisation
der Nationalsozialisten, eingegliedert werden sollte . Eben dieses
Fachamt I sollte im wesentlichen die Deutsche Turnerschaft (D.T.)
ausmachen. Die Konsequenz dieser Verfügung war, daß
sich der DRB am 24.2.1935 auflöste und zunächst in die
D.T. eingegliedert wurde.
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4. Die Entwicklung im Reichsbund für
Leibesübungen
Die Entwicklung im Reichsbund für Leibesübungen war
zunächst von einer enormen Breitenzunahme gekennzeichnet.
Die meisten der Deutschen "Gaue" nahmen das Ringtennisspiel
auf. Lediglich in Bayern und "Nordmark" trat Ringtennis
bis zum Ende der faschistischen Herrschaft nicht in Erscheinung.
Im Sinne eines vom NS-Staat gewollten "Volkes in Leibesübungen"
profitierte Ringtennis vom Aufschwung der gesamten Sommerspiele
(hauptsächlich noch Faustball, Korbball, Flugball=Volleyball).
Allein in Leipzig nahmen zwischen 1937 und 1942 mindestens 12
Vereine das Ringtennisspiel auf. Leistungsmäßig war
Baden nach wie vor tonangebend. Beim Mannschaftsturnier des Deutschen
Turn- und Sportfestes Breslau 1938, bei dem fast alle deutschen
"Gaue" Ringtennismannschaften stellten, siegte die 1.
Mannschaft Badens unangefochten vor Württemberg und Niedersachsen.
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5. Der Zusammenbruch
Im Zweiten Weltkrieg waren dem Aufschwung jedoch Grenzen gesetzt.
In der Deutschen Turnzeitung häuften sich die Meldungen,
daß wegen des Fehlens von Gummiringen eine weitere Ausbreitung
nicht möglich wäre.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die meisten Ringtennisvereine
nicht wieder gegründet (zunächst waren sämtliche
Sportvereine verboten, da sie von den Siegermächten als Mittel
nationalsozialistischer Politik angesehen wurden). Die starke
Verbreitung während der Zeit des Dritten Reiches hat langfristig
gesehen keinerlei Breitenzunahme bewirkt, was z.B. daran zu erkennen
ist, daß Ringtennis heute nur noch in einem einzigen der
zahlreichen Vereine existiert, die während des Faschismus'
das Ringtennisspiel aufnahmen.
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6. Es ging wieder aufwärts
In den fünfziger Jahren setzte wiederum eine Ringtennisbewegung
ein, die neben der jetzt im Deutschen Turnerbund befindlichen
existierte: Die Ringtennisbewegung im FKK-Bereich. Zwar hatte
auch diese ihre Wurzeln schon Anfang der dreißiger Jahre,
doch nun kam es verstärkt zum Spielbetrieb, zunächst
noch ohne leistungssportliche Ambitionen. Das änderte sich
erst entscheidend, nachdem am 29.9.1963 der Deutsche Verband für
Freikörperkultur (DFK) als Anschlußorganisation in
den Deutschen Sportbund aufgenommen wurde. Allmählich wurde
diese Ringtennisbewegung in die des DTB integriert, wobei sie
allerdings auch bis heute ihre Eigenständigkeit behielt.
Ein besonderes Kennzeichen hierfür ist die stärkere
Freizeitsportorientierung der meisten FKK-Vereine im Gegensatz
zu den DTB-Vereinen. Im Laufe der Zeit kristallisierten sich allerdings
auch bei einigen FKK-Vereinen leistungssportliche Ambitionen heraus,
so daß diese schon seit über 20 Jahren mit zur Leistungsspitze
in Deutschland zählen.
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7. Erweiterung des Sportverkehrs auf
die internationale Ebene
Nachdem 1967 Ringtenniskontakte nach Japan und 1970 nach Südafrika
entstanden waren, gab es erstmals Bemühungen, Ringtennis
auf internationaler Ebene zu organisieren. Der damalige Bundesfachwart
Otto Hirth schrieb in einem Bericht 1970: "Unsere Freunde
aus Japan und Südafrika sind daran interessiert, alsbald
einen internationalen Ringtennisverband ins Leben zu rufen".
Zur Gründung dieses Verbandes ist es jedoch bis heute nicht
gekommen, u.a. deshalb, weil der japanische Ringtennisverband
in der Versenkung verschwunden ist. Trotzdem kam es am 17.4.1976
in Südafrika zum ersten Länderspiel der Ringtennis-Geschichte,
welches die Bundesdeutsche Mannschaft überraschend deutlich
mit 2:12 verlor. Ein Jahr später konnte sich die Deutsche
Mannschaft jedoch revanchieren, der Heimvorteil spielte eine entscheidende
Rolle.
Zu jener Zeit war es schon umstritten, sportliche Kontakte mit
Südafrika zu pflegen, weshalb der Bundesfachausschuß
Ringtennis 1978 beschloß, weitere Einladungen abzulehnen.
Als der Sportboykott Südafrikas wieder aufgehoben wurde,
war Ringtennis am 28.5.1992 die erste Sportart, die wieder ein
Länderspiel gegen Südafrika durchführte. Dieses
bescherte den Deutschen mit 21:7 den höchsten bisher errungenen
Sieg. In der Länderspielbilanz führen allerdings die
Südafrikaner mit 5 Siegen gegenüber 3 Siegen der Deutschen.
Es kam zwar zu weiteren internationalen Begegnungen, und zwar
gegen Polen (im Ringo (2) und Ringtennis) und gegen die Tschechoslowakei
(im Ringo). Die Kontakte zu diesen beiden Ländern sind jedoch
aus zwei Gründen nicht mehr existent: zum einen gab es keinerlei
Annäherungen zwischen den beiden Sportarten Ringo und Ringtennis,
so daß man sportlich kaum voneinander profitieren kann;
zum anderen sind Kontakte nach Westeuropa für diese Länder
heute eine Selbstverständlichkeit und nicht nur auf der Ebene
sportlicher Vergleichskämpfe möglich, womit ein wesentlicher
Kontaktgrund entfällt.
Wichtiger für den deutschen Ringtennissport sind möglicherweise
Kontakte, die in den letzten Jahren nach Neuseeland und Brasilien
entstanden sind. Diese sind jedoch noch lange nicht soweit, daß
Länderspiele angestrebt werden könnten.
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Anmerkungen:
(1) "Quoits" heißt übersetzt Wurfringspiel,
"Quoit" heißt Wurfring
(2) Ringo ist eine dem Ringtennis ähnliche Sportart, die
ansonsten dem Volleyball am ähnlichsten ist
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Literatur:
ARLOTT, John (Hrsg): The Oxford Companion to Sports and Games.
London 1975
CUDDON, J.A.: The Macmillian Dictionary of Sports and Games. London,
Basingstoke 1980
FAIT/SHAW/FOX/HOLLINGSWORTH: A Manual of Physical Education Activities.
Philadelphia 1956
MC LEOD, William A.: Deck Games, Sports and Pastimes. Glasgow
(1939)
MEYER, Peter: Ringtennis - Eine sporthistorische Untersuchung
zu einem Turnspiel. Examensarbeit Oldenburg 1989
MEYER, Peter: 60 Jahre Ringtennis: Eine bewegte Geschichte, in:
Deutsches Turnen 2/1990, 36-37
MEYER, Peter: Die Geschichte des Ringtennissportes, in: Sozial-
und Zeitgeschichte des Sports 1/1991, 52-60
MITCHELL, Elmer D. (Hrsg): Sports for Recreation and how to play
them. New York 1936
RINGTENNIS 1935. Schlußausgabe der amtlichen Zeitschrift
des Deutschen Ringtennisbundes
SUPPER, Adolf K. Fr.: Der Rappenwört und die Karlsruher Sportwelt
- Gedanken zur Eröffnungsfeier, in: Karlsruher Zeitung 19.7.1929
Erstellt am: 07.10.1996
Autor:
Peter Meyer,
Beauftragter für Lehrwesen und Ausbildung
[Inhaltsverzeichnis]
Last modified: Tue Feb 18 00:25:29 CET 2003
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